Contemplation II Coniunctio — Am runden Tisch der Seele. Über das Bild der Unio Mystica und die Dialektik der Seele

Die Seele ist rastlos.

Sie will in das große Geheimnis der Unio Mystica eintauchen.

Sie will die Unio Mystica erfahren.

Es ist ihre tiefste Sehnsucht.

Sie sucht eine verwandelnde Begegnung.

Sie sucht Verbindung.

Sie sucht Coniunctio.

Sie regt sich wie ein Schmetterling, der ausfliegen möchte und doch sein Gehäuse nicht verlassen kann.

Etwas in ihr strebt nach Weite.

Und doch scheint sie an den Körper gebunden zu sein, in dem sie wohnt.

Er ist ihr Zuhause

und zugleich ihre Grenze.

Wo soll sie hin?

Und was sucht sie dort eigentlich?

Vielleicht ist es ihr Schicksal, dort zu verweilen, wo sie ist.

Still zu werden.

Innezuhalten.

Soll sie ihre Suche aufgeben?

Ihr Verlangen?

Ihr Streben?

Die Seele scheint eine Gefangene auf Erden zu sein.

Tief in ihrem Inneren spürt sie, dass sie nicht selbst entschieden hat, hier zu sein.

Sie ist nicht frei.

Sie wohnt in einem sterblichen Körper, doch ihre eigene Natur scheint nicht sterblich zu sein.

Etwas in ihr sehnt sich danach, aufzusteigen.

Etwas in ihr erinnert sich an eine größere Heimat.

Doch sie bleibt.

Und gerade dort, in der Stille ihres Gehäuses, begegnet sie sich selbst.

Im Spiegel.

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The soul has to stay where it is,

Even though restless, hearing raindrops at the pane,

The sighing of autumn leaves thrashed by the wind,

Longing to be free, outside, but it must stay

Posing in its place. It must move

As little as possible. This is what the portrait says.

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Diese Zeilen stammen aus John Ashberys Self-Portrait in a Convex Mirror.

Das Gedicht geht auf ein Gemälde des italienischen Renaissancekünstlers Parmigianino zurück.

Jahrhunderte später begegnete John Ashbery diesem Bild.

Es ließ ihn nicht mehr los.

Er kehrte immer wieder zu ihm zurück.

Aus dieser wiederholten Begegnung entstand schließlich Self-Portrait in a Convex Mirror.

Ein Gedicht, das weit mehr ist als eine Kontemplation eines Gemäldes.

Es wird zu einer Meditation über das Selbst, die Seele und die Grenzen unserer Selbsterkenntnis.

Der Blick des jungen Mannes scheint auf etwas gerichtet zu sein, das sich dem Zugriff entzieht.

Nicht nur das Gesicht erscheint im Spiegel.

Je länger Ashbery bei diesem Bild verweilt, desto mehr beginnt sich eine Frage zu entfalten:

Wie weit kann die Seele aus sich selbst heraustreten, ohne sich zu verlieren?

Schon in der Eröffnung des Gedichts umkreist er diese Frage.

Er schreibt:

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The glass chose to reflect only what he saw

Which was enough of his purpose: his image

Glazed, embalmed, projected at a 180-degree angle.

The time of day or the density of the light

Adhering to the face keeps it

Lively and intact in a recurring wave

Of arrival. The soul establishes itself.

But how far can it swim out through the eyes

And still return safely to its nest? The surface

Of the mirror being convex, the distance increases

Significantly; that is, enough to make the point

That the soul is a captive, treated humanely, kept

In suspension, unable to advance much farther

Than your look as it intercepts the picture.

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Die Seele wird sich ihrer selbst bewusst.

Sie weiß mittlerweile, dass sie nirgendwo hingehen kann.

Sie muss bleiben.

Sie muss außerdem ganz still sitzen.

Denn sie wird porträtiert.

Also nimmt sie Platz.

Ganz würdig.

Fast wie auf einem Thron.

So wie man das macht, wenn man porträtiert wird.

Als wären alle Blicke auf sie gerichtet.

Doch sie lacht nicht.

Keine Regung gibt sie von sich.

Sie will sich nicht aufregen,

sich nicht bewegen,

nicht für Aufruhr sorgen.

Würdig und leer schaut sie in die Weite.

Auf ihrem Seelensessel wird sie porträtiert.

Was geht in ihr vor?

Was verbirgt sich hinter ihrem hohlen Blick?

Wir wollen sie kennen, die Seele.

Wir beobachten sie im Spiegel.

Und sobald wir versuchen, ihr Geheimnis einzufangen, scheint es sich uns zu entziehen.

Vielleicht weil das Geheimnis die Freiheit selbst ist.

Es ist die Weite ihres Blickes, die sich nicht einfangen lässt.

Wir wollen das Unendliche verstehen.

Und können es doch nicht festhalten.

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I see in this only the chaos

Of your round mirror which organizes everything

Around the polestar of your eyes which are empty,

Know nothing, dream but reveal nothing.

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Die Seele wird sich ihrer selbst bewusst.

Sie erkennt, dass es sich hier um ein Selbstporträt handelt und dass es wohl ihre Aufgabe ist: Seelenmalerei im konvexen Spiegel.

Eine Herausforderung.

Still und präzise muss sie schauen und nachmalen, was sie sieht.

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And just as there are no words for the surface, that is,

No words to say what it really is, that it is not

Superficial but a visible core, then there is

No way out of the problem of pathos vs. experience.

You will stay on, restive, serene in

Your gesture which is neither embrace nor warning

But which holds something of both in pure

Affirmation that doesn’t affirm anything.

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Als Gefangene kann sie nicht sprechen, nur sehen.

Ist sie eigentlich handlungsfähig?

Sie fragt es sich.

Sie weiß, dass sie ihrer eigenen Existenz bewusst ist.

Was kann sie tun?

Sie überlegt.

Sie kann einen Raum bieten für alles, was geschieht.

Denn sie beobachtet, dass vieles geschieht, auf das sie keinen Einfluss zu haben scheint.

Doch diese Regungen nimmt sie wahr, indem sie ganz still — wie eine unsichtbare Königin auf ihrem Thron, ihrem Seelensessel — sitzt und zuhört.

Sie möchte die Geräusche verstehen, da sie ja nirgendwo hingehen kann.

Wenn sie nicht frei ist zu gehen, ist sie wenigstens frei zu verstehen.

Tiefer in das Mysterium einzutauchen.

Sie entscheidet sich dafür, dass dies ist, was sie will.

Sie bejaht ihr Schicksal als Seele.

Was ist sie?

Sie fragt es sich noch einmal.

Welche Rolle hat sie hier zu erfüllen, wenn sie doch nicht, ihrer unendlichen Natur nach, frei sein kann auf dieser Erde, gefangen im Gehäuse eines Körpers?

Auf ihrem Thron kontempliert sie und beschließt, dass sie sich — einsam in ihrem Seelenpalast — verschließen möchte.

Sie sollte sich auf die Erfahrung des Lebens einlassen, um es in seiner ganzen Fülle erfahren zu können.

Sie möchte das ganze Leben kennenlernen.

Wie wäre das möglich?

Sie sollte sich öffnen.

Öffnen — für was?

Für Erfahrungen.

Wie macht sie diese Erfahrungen?

Sie braucht Gäste.

Und plötzlich versteht sie, was die ganze Zeit gefehlt hat.

Die Stimmen.

Es gab doch ständig so viele Geräusche um sie herum, sodass sie nicht still sitzen konnte, um sich zu porträtieren.

Da — nun sie endlich zur Ruhe gefunden hat und das Selbstporträt Gestalt anzunehmen beginnt — beginnt sie jedoch, die Geräusche wie Musik zu vermissen.

Die Geräusche waren manchmal dissonant, manchmal harmonisch.

Manchmal war es regelrechter Lärm, und die Seelenkönigin konnte die Polyphonie schlichtweg nicht mehr ertragen.

Doch nun, da es ganz still geworden ist, vermisst sie sogar die höllischen Schreie.

Ja — sie vermisst alle Stimmen.

Es war ihre Seelenmusik.

Sie verlangt nach der gesamten Symphonie.

Plötzlich fällt ihr ein, dass sie sich dem vielstimmigen Chor, mitsamt dem oftmals dissonanten Orchester, den Rücken zugewandt hat, weil es ihr zu viel wurde.

Sie wollte nicht mehr zuhören.

Sehen wollte sie die Misere schon gar nicht mehr.

Das Ganze war unschön geworden.

Und dafür war sie allzu sensibel.

Sie hat die höchsten Ansprüche als Seelenkönigin.

Etwas war entartet.

Doch wie es dazu gekommen ist und wo es begonnen hat, konnte sie nicht genau identifizieren.

Es muss lange her gewesen sein.

Schon lange konnte sie den schrecklichen Lärm nicht mehr ertragen.

Doch irgendwann wurde sie so einsam, dass sie alles von sich gestoßen hatte.

Und erst jetzt, lange Zeit später, wird sie sich dessen im Spiegel, im Selbstporträt bewusst.

Etwas muss passieren.

Eine Veränderung, eine Transformation ist unvermeidlich.

Sie kann es nicht länger mit sich selbst aushalten.

Also beschließt sie, Gäste einzuladen.

Doch wie könnten sie zurückkommen?

Sie hat sie schließlich alle weggeschickt.

Nicht aus bösem Willen.

Nein.

Das war Vergangenheit.

Nun will sie sich öffnen für Gäste.

Nun will sie neu anfangen.

Was braucht sie dafür?

Genug Platz — den hat sie.

Und genügend Sitzplätze für die Gäste.

Und einen Tisch.

Einen schönen, runden Tisch, damit alle Gäste sich anschauen können.

Und so beginnt die Seelenkönigin, Platz zu machen, aufzuräumen und ihr Gehäuse wie ein schönes Gästehaus einzurichten, damit sich die Gäste willkommen fühlen.

⸻

The Guest House


This being human is a guest house.

Every morning a new arrival.


A joy, a depression, a meanness,

some momentary awareness comes

as an unexpected visitor.


Welcome and entertain them all!

Even if they are a crowd of sorrows,

who violently sweep your house

empty of its furniture,

still, treat each guest honorably.

He may be clearing you out

for some new delight.


The dark thought, the shame, the malice.

meet them at the door laughing and

invite them in.


Be grateful for whatever comes.

because each has been sent

as a guide from beyond.


Rumi

⸻

Die Seelenkönigin ist erheitert.

Denn nun hat sie es im Spiegel erkannt:

Sie ist die Gastgeberin.

Sie hat ihre Identität und die damit verbundene Aufgabe im Spiegel entdeckt.

Weil sie für das Selbstporträt so lange stillgesessen hat, so lange kontempliert hat, ist sie sich plötzlich ihrer Natur bewusst geworden.

Sie ist eine Dienerin.

Eine Empfängerin der Gäste.

Und sie möchte genauso sein, wie sie ist.

Mittlerweile weiß sie, da sie sich selbst porträtiert, dass das Bild, das sie von sich gemalt hat, aussieht wie ein Mensch.

Doch sie weiß auch, dass es nur ein Bild ist.

Mit diesem Bild identifiziert sie sich nicht.

Denn sie weiß, dass ihre Seele die Malerin ist.

Die Königin.

Und sie sehnt sich nach ihrer wahren Natur zurück.

Mit Bildern identifiziert sich die Seelenkönigin nicht.

Alles, was vorübergeht, geht nur vorüber.

Sie sehnt sich nach der Ewigkeit, aus der sie stammt.

Doch diese Träumerei bewahrt sie lieber für die Nacht, in der sie wieder ausfliegen kann.

Jetzt hat sie Wichtigeres zu tun.

Denn beim Malen des Selbstporträts ist sie sich ihrer Aufgabe bewusst geworden.

Hier ist sie irdisch.

Hier soll sie dienen.

War sie nicht gerade noch so einsam?

Hat sie nicht all die Geräusche vermisst?

Die Vielstimmigkeit?

Das Leben?

Hat sie das Leben nicht selbst ausgeschaltet, um allein im luftleeren Raum zu schweben?

Die Ewigkeit kommt später.

Dieses Menschsein — auch als Seele — ist ein Gästehaus.

Sie hat es erkannt.

Sie würde eine wunderbare Gastgeberin sein.

Wie kann sie das werden?

Was soll sie tun?

Die Königin blickt sich noch einmal im Spiegel an und überlegt genau.

Was macht eine gute Gastgeberin?

Sie empfängt.

Sie sorgt dafür, dass alle ihre Gäste einen Platz bekommen.

Und dass alle versorgt sind.

Für jeden soll genug da sein.

Und jeder soll genau das erhalten, was er braucht.

Dann wird sie ganz still und hört zu.

Die Gäste werden hungrig sein.

Manche kommen von weit her.

Alle haben unterschiedliche Bedürfnisse.

Und für alle soll gesorgt sein.

Dafür wird sie zuständig sein.

Die Seele spürt ihre große Verantwortung.

Und sie nimmt sie bewusst an.

Die ersten Gäste treten bereits ein.

Sie beobachtet ihre Ankunft.

Und beginnt, die besonderen Teller zu richten.

⸻

Special Plates


Notice how each particle moves.

Notice how everyone has just arrived here

from a journey.

Notice how each wants a different food.

Notice how the stars vanish as the sun comes up,

and how all streams stream toward the ocean.


Look at the chefs preparing special plates

for everyone, according to what they need.

Look at this cup that can hold the ocean.

Look at those who see the face.

Look through Shams’ eyes

into the water that is

entirely jewels.


Rumi

⸻

Das Gastmahl beginnt.

Die Königin lehnt sich etwas zurück und entspannt sich, da nun alle ihre Gäste versorgt sind.

Sie könnte beinahe einschlafen nach der harten Arbeit.

Doch gerade als sie droht, in eine schöne Träumerei zu versinken, wird ihre beginnende Reverie von den Geräuschen am Tisch gestört.

Es sind altbekannte Geräusche.

Es klingt nach Unzufriedenheit.

Was ist los?

Eine Diskussion ist entstanden.

Unfrieden.

Die Gemüter regen sich auf.

Die Mägen sind zwar gesättigt, doch die Geister kommen in Bewegung.

Dabei hat sie sich doch so bemüht, auf alle Bedürfnisse zu achten.

Was könnte schiefgegangen sein?

Schon bald bemerkt sie, dass dies nicht der richtige Zeitpunkt ist, in den Seelenschlummer zu versinken.

Die Königin ist souverän.

Sie soll zu jeder Zeit wachsam bleiben.

Sie muss die Führung der Tischrunde übernehmen.

Denn die Diskussion scheint zu entarten, wenn sie jetzt einschläft.

Im Halbschlaf bemerkt sie an den dissonanten Geräuschen, die ihr das Einschlafen unmöglich machen, dass nicht alle Gäste gut miteinander auskommen.

Mehr noch:

Nicht alle Gäste sind dankbar für ihre Bemühungen.

Einige sind gierig und sprechen schlecht über die Speisen.

Andere tragen aus anderen Gründen eine schlechte Stimmung mit sich und stecken ihre Nachbarn damit an.

Es regt sich auf.

Es entstehen Beschuldigungen.

Sie kann gut damit leben, dass nicht alle Gäste dieselben Wünsche haben.

Doch dass man einander wegen unterschiedlicher Wünsche oder Bedürfnisse kritisieren muss?

Das versteht sie nicht.

Da wäre sie beinahe eingeschlafen.

Das darf nicht geschehen.

Hier muss sie eingreifen.

Hier muss sie die Führung übernehmen.

Als souveräne Königin darf sie das Gastmahl der Seele am schönen runden Tisch nicht entarten lassen.

Was ist dafür nötig?

Sie muss ihre würdige Präsenz zeigen.

Sie darf sich nicht entziehen.

Sie muss ein Vorbild des guten Umgangs sein.

Des menschlich-seelischen Umgangs.

Beseelt.

Mit Anmut und Würde.

Sie lässt ihre Gäste ausreden.

Ihre Gäste dürfen unterschiedlicher Meinung sein.

Sie dürfen unterschiedliche Ansichten und Wünsche haben.

Sie dürfen ihre Ansichten den anderen Gästen nur nicht aufdrängen.

Ein Gast zum Beispiel heißt Gier.

Er ist besonders hungrig.

Für ihn hat die Königin einen besonders großen Teller angerichtet.

Neben ihm sitzt eine feine Dame adliger Herkunft namens Lady Little.

Für sie hat die Seelenkönigin eine Silberplatte mit Lachs und Kaviar serviert.

Doch als die Dame fertig gegessen hat, beginnt sie, Gier wegen seines Essverhaltens zu kritisieren.

Seine Manieren stören Lady Little.

Daraufhin bekommt Gier einen Wutausbruch.

Er findet, dass die Lady sich nicht einmischen sollte.

Außerdem hält er sie für verwöhnt.

Diese Bemerkung treibt die feine Dame zu Tränen.

Die Seelenkönigin betrachtet das Schauspiel der Seele.

Sie ist nun hellwach.

Dies kann so nicht weitergehen.

Oder doch?

Sollte sie es nicht einfach geschehen lassen?

Was soll sie tun?

Soll sie eingreifen?

Zuzuschauen ist durchaus amüsant.

Während sie noch darüber nachdenkt, was sie tun soll, fängt das Gerede irgendwo anders am Tisch an.

Ihr Blick wandert zu zwei Tischnachbarinnen namens Spiegel und Neid.

Es sind Zwillingsschwestern, und sie sehen sich sehr ähnlich.

Die Königin hat Schwierigkeiten, die beiden auseinanderzuhalten, nicht nur optisch, sondern auch in ihrem Verhalten.

Spiegel spiegelt das Verhalten von Neid.

Und Neid vergleicht sich ständig mit ihrer Zwillingsschwester und möchte genauso sein wie sie.

Das wiederum stört Spiegel.

Und Spiegel reflektiert ihrer Schwester dieses für sie störende Verhalten zurück.

Neid wird darauf neidisch, weil Spiegel es auf eine sehr schöne Art tut.

Eben weil sie so schön ist.

Genau das ist auch der Grund, warum Neid neidisch ist.

Doch dies spricht Neid nicht aus.

Spiegel sieht es, sagt aber nichts.

Neid würde es niemals gestehen.

Deshalb reflektiert Spiegel es nur durch ihre Schönheit.

Dadurch wird Neid nur noch neidischer.

Die Schwestern versöhnen sich nicht.

Die Königin betrachtet die Zwillinge, und ihr fällt auf, dass die Ähnlichkeiten, die ihr zunächst ins Auge sprangen, beim näheren Hinsehen doch nur scheinbar waren.

Sie merkt, dass ihr das Beobachten immer mehr Freude bereitet.

Denn sie lernt immer besser zu differenzieren.

Das Sehen hilft ihr beim Verstehen.

Da ihr die vielen Geräusche zuvor zu viel waren, bemerkt sie nun, da sie innerlich still geworden ist, dass das Betrachten sie mit einer großen Fülle an Erfahrungen beschenkt.

Die Seelenkönigin fühlt sich glücklich und beseelt.

Sie sammelt immer mehr Eindrücke.

Und doch haftet ihr nichts wirklich an.

Es belastet sie nicht mehr.

Denn das, was sie wahrnimmt, ist nicht sie selbst.

Sie bemüht sich weiterhin zuzuhören, für die Gäste da zu sein und alle das Ihrige sagen zu lassen.

Gelegentlich fragt sie sich, ob sie eingreifen soll.

Doch dann fragt sie sich nach dem Sinn des Ganzen.

Und sie bemerkt, dass viele Gäste das Bedürfnis haben, ihre Geschichte zu erzählen, auszuleben und auszuspielen.

Manche Gäste warten gar nicht auf eine Intervention.

Auch nicht auf ihre Führung als Seelenkönigin.

Sie wollen einfach nur sie selbst sein.

Gier möchte gierig sein.

Eitel möchte eitel sein.

Liebe möchte lieben.

Hass möchte hassen.

Ob sie bereit sind, sich zu verändern?

Sich von den anderen Gästen am runden Tisch inspirieren zu lassen?

Vielleicht.

Wenn sie miteinander ins Gespräch kommen.

Wenn sie zuhören wollen.

Wenn sie bereit sind, sich zu verändern.

Wenn sie es wirklich wollen.

Wenn die Not groß ist.

Wenn sie eine Veränderung brauchen.

Doch wer ist sie, die Seelenkönigin, eine Veränderung anzustreben oder gar zu forcieren?

Vorerst möchte sie lieber die liebevolle Beobachterin sein.

Die Gastgeberin.

Die Empfängerin aller Gäste, so wie sie sind.

Und als solche ist sie zufrieden.

Zugleich hat sie einiges zu tun.

Viele verschiedene Gäste müssen versorgt werden.

Ihnen allen möchte sie eine würdige Unterkunft bieten.

Ganz gleich, wie sie heißen oder wer sie sind.

Namen sind unwichtig.

Es geht ihr um die Kunst der Gastfreundschaft.

Sie möchte in einem schönen Haus der Seele wohnen.

Dafür wird sie sorgen.

Ein diffuses Geschrei im Hintergrund stört den Moment des Seelenfriedens.

Die Königin versucht, die Störung am Tisch zu identifizieren.

Wo kommt sie her?

Die Zwillinge waren soeben noch in ihr Spiel der Nachahmung vertieft.

Neid schien sich durch Spiegel gerade in einem etwas schöneren Licht zu betrachten.

Der Frieden am Tisch schien wiederhergestellt zu sein.

Doch dann dieses Geschrei.

Die Königin hält kurz inne.

Es scheint von irgendwo aus der Tiefe zu kommen.

Sie beugt sich vor und hebt die Tischdecke an.

Da entdeckt sie Angst.

Sie hat sich unter dem Tisch versteckt, weil ihr, ebenso wie der Königin am Anfang, der Lärm des Ganzen zu viel geworden ist.

Als Reaktion beschloss das verschüchterte Mädchen, sich zu verstecken.

Sich zurückzuziehen.

Sich nicht mehr am Geschehen, nicht mehr am Mahl zu beteiligen.

Stattdessen gibt sie einen vagen, diffusen Ton von sich.

Die Königin macht sich Sorgen.

„Mädchen“, sagt sie, „komm heraus. Ich kenne dich.

Ich war wie du.

Auch ich habe mich zu lange versteckt.

Die Welt ist schön.

Das Leben ist zu schön, um nicht daran teilzunehmen.

Ja, es gibt Elend, Hass, Wut, Groll, Rache, Scham und Schuld.

Ich kenne sie alle.

Ich habe sie alle als Gäste zu meinem Festmahl eingeladen.

Und auch du, Angst, bist eingeladen.

Komm bitte hervor.

Komm dazu.

Ich möchte, dass auch du teilnimmst.“

„Warum sollte ich hervorkommen, wenn Ihr solche Gäste eingeladen habt, Königin?“

„Es sind nicht die einzigen Gäste, Angst.

Ich habe auch Liebe, Mut, Fürsorge, Freude, Glück, Freiheit und Leichtigkeit eingeladen.

Es ist eine bunte Mischung.

An Temperamenten.“

„Hm.

Ich weiß nicht.

Das klingt tatsächlich nach einer bunten Mischung.

Fast so, als wären die einen wunderbare Gäste und die anderen bloße Unruhestifter.“

„Das könnte man meinen“, antwortet die Königin.

„Und dennoch bestehe ich darauf, dass du heraufkommst.

Denn du hast die Wahl:

Entweder versteckst du dich hier unten, gibst diesen merkwürdigen Ton von dir und bleibst in der Dunkelheit, bis das Festmahl vorüber ist.

Oder du kommst herauf und erlebst etwas.“

„Aber Majestät, wie könnt Ihr mir garantieren, dass nichts schiefgeht?

Wenn die Hälfte der Gäste es vielleicht böse meint und solch eine Unruhe stiftet?“

„Meine liebe Angst“, sagt die Königin, „ich nehme dich an die Hand.

Aber du musst mir vertrauen.

Ich führe dich hinauf.

Doch du musst die Bereitschaft haben, mitzukommen.

Ich werde einen schönen Platz für dich finden.

Dort oben, neben Mut, ist noch ein Stuhl frei.

Sie ist sehr freundlich und hat ein großes Herz.

Sie sagt, was sie denkt, und spricht immer aus dem Herzen.“

„Hat sie denn keine Angst?“

„Doch“, erwidert die Königin.

„Aber sie ist Französin und sehr tapfer.

In Frankreich nennen ihre Freundinnen sie Courage, weil sie ein so großes Herz besitzt — un grand cœur.

Wenn eine Ungerechtigkeit geschieht, steht sie auf und bekämpft sie mit Herz und Seele.

Deshalb nennt man sie Courage.

Sie duldet keine Ungerechtigkeit.

Und sie kann es nicht ertragen, wenn Menschen Leid zugefügt wird.

Ich bin mir sicher, dass sie ein beschützendes Auge auf dich haben wird.

Ich werde dich ihr vorstellen.

Vielleicht werdet ihr Freundinnen.

Sie wird dich annehmen.

Und vielleicht kann sie dich inspirieren.“

Angst nimmt die Hand der Königin und lässt sich von ihr zurück an den Tisch führen.

Zu ihrem neuen Platz.

Die Königin betrachtet ihren runden Tisch.

Alle Gäste sind anwesend.

Selbst Angst hat ihren Platz gefunden.

Der Lärm ist leiser geworden.

Nicht weil die Stimmen verstummt sind.

Sondern weil sie einander zuhören.

Die Königin erkennt:

Das war es nicht.

Oder genauer:

Das war erst der Anfang.

Denn die Seele wollte nie nur Ordnung.

Sie wollte Begegnung.

Sie wollte Vereinigung.

Sie wollte lieben.

Sie wollte erkannt werden.

Sie wollte die Unio Mystica.

Die Königin besinnt sich noch einmal.

Sie ist die Seelenkönigin.

Und sie hat ihre Aufgabe als Gastgeberin erfüllt.

Das Gastmahl geht zu Ende.

Die Gäste kehren heim.

Zurück bleibt der leere Raum der Kontemplation.

Ihre Aufgabe als Dienerin scheint erfüllt.

Dienerin.

Gewiss eine ehrenvolle Aufgabe.

Und sie ist ganz in ihr aufgegangen.

Doch ihre Sehnsucht bleibt bestehen.

War das alles?

War sie nur hier, um zu dienen?

Was ist mit der Unio Mystica?

Die Königin erhebt sich.

Das Gastmahl ist vorüber.

Die Gäste sind gegangen.

Wieder wird es still.

Da fällt ihr Blick auf den Spiegel.

Lange hat sie ihn vergessen.

Zu beschäftigt war sie mit ihren Gästen.

Zu beschäftigt mit ihrer Aufgabe.

Nun tritt sie wieder vor ihn.

Nicht um zu erfahren, wer sie ist.

Sondern um sich zu fragen, für wen sie sich bereitet.

Bereit ist sie.

Bereit, auszufliegen.

Zu lieben und zu fliegen.

Doch wohin?

Sie kennt den Spiegel.

Oft hat sie vor ihm gestanden.

Doch nun scheint die Reflexion sich verändert zu haben.

Das Bild ist klarer geworden.

Seit die Gäste gegangen sind, kann sie klarer sehen.

Die Stille kennt sie bereits.

Doch diesmal fühlt sie sich anders an.

Auch der Raum scheint sich verändert zu haben.

Der Spiegel scheint nicht leer zu sein.

Irgendetwas scheint zurückzuschauen, das sie vorher nicht bemerkt hat.

Vielleicht war es nicht da.

Vielleicht erkennt sie es nun zum ersten Mal.

Der Spiegel war nie leer.

Lange betrachtet sie ihr eigenes Bild.

Dann geschieht etwas Merkwürdiges.

Zum ersten Mal fragt sie sich, ob sie wirklich allein ist.

Der Spiegel scheint nicht nur Spiegel zu sein.

Die Königin schaut genauer.

Im Bild entdeckt sie ein Gegenüber.

Kann ich dem begegnen?

Kann ich es berühren?

Ist die Unio Mystica denn doch möglich?

Die Königin wird sich ihrer Schönheit bewusst und ahnt zugleich, dass sie vielleicht nicht allein ist.

Sie verlässt den Spiegel.

Ja, sie verlässt sogar ihren Palast.

Sie spürt, dass die Zeit gekommen ist, zu leben.

Lange hat sie in ihrem Spiegelpalast verweilt.

Als Gastgeberin hat sie eine Seelendialektik am runden Tisch der Seele geführt.

Die Gäste sind gegangen.

Nun möchte sie leben.

Der Spiegel hat ihr etwas gezeigt.

Nicht nur, wer sie ist.

Sondern auch, dass sie bereit ist.

Immer schon war sie so.

Doch erst im Spiegel konnte sie es erkennen.

Nun hat sie ihre Aufgabe als Dienerin, als Gastgeberin erfüllt.

Der Umgang mit den schwierigen Gästen hat sie geduldig gemacht.

Nun ist sie bereit, auch anderen Seelen zu begegnen.

Bereit, sich immer weiter für das Geheimnis zu öffnen.

Etwas in ihr breitet sich aus.

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